Nikon-Messsucherkameras: Das Beste aus "drei Welten"
In der Geschichte Japans und Deutschlands fand oft ein Kultur- und Wissenschaftsaustausch statt, so auch auf dem weiten Feld der Optik und der Fotografie. Zwar beginnt die Geschichte der Nikon-Kameras erst 1946, aber die „deutsch-japanischen Verflechtungen“ reichten da schon über ein halbes Jahrhundert zurück. Was dabei beispielsweise herauskam, war gewissermaßen das „Beste aus drei Welten“: die erste Kamera von Nippon Kogaku, die Messsucherkamera Nikon I. Für das Gehäuse und das Objektivbajonett stand die (deutsche) Contax Pate, der Verschluss wurde inspiriert von der (deutschen) Leica und diese Spitzenleistungen auf dem Weltmarkt wurde durch (japanische) Ingenieure noch perfektioniert.
Eine der ersten Nikon-Kameras weltweit im Deutschen Kameramuseum
Geschichte und Geschichten eines legendären Fotoapparats
Die Nikon-Story ganz von vorne: Die Gründer der Firma Fujii Lens, ein optisches Unternehmen in Tokyo, Ryuzo und Kohzo Fujii, haben zwischen 1898 und 1901 in Jena Optik studiert. In ihrer Firma in Japan benutzten sie folgerichtig die Maschinen und Messinstrumente von Zeiss. Sie brachten 1911 unter dem Namen „Victor“ das erste in Japan gebaute Fernrohr auf den Markt.
1917 Fusion dreier japanischer Optikfirmen zu „Nippon Kogaku“
Die Fujii Lens, die Iwaki Glaswerke (ein Linsenproduzent) und Tokyo Keiki Seisakusho (ein Hersteller von Messinstrumenten) fusionierten 1917 zur „Nippon Kogaku Koygo Kabushiki Kaisha“ („Japanische Optik Industrie Aktiengesellschaft“) – kurz: „Nippon Kogaku“. Es ist bekannt, dass der heutige Weltkonzern Mitsubishi, der Schiffe und U-Boote für die japanische Marine baute und dafür Zieloptiken und Periskope benötigten, deshalb diesen Zusammenschluss finanziell unterstützte.
Die Verbindung nach Deutschland riss nie ab. In den Folgejahren arbeiteten sogar deutsche Ingenieure und Techniker aus Wetzlar und Jena fest angestellt für die Firma in Japan. Sie versetzten Nippon Kogaku in die Lage, bald mit Leitz und Zeiss Ikon mitzuhalten.
Hochwertige Nikon-Objektive für japanische Canon-Kameras und deutsche Leicas
Man baute neben Teleskopen auch hochwertige Objektive für die ersten Canon-Kameras (ab 1932 unter dem Namen Nikkor – später auch mit M-39-Schraubgewinde für Leica), ferner Ferngläser (Mikron, Nikko), Zielfernrohre, Periskope, Mikroskope (Joico, Nikko) oder optische Labor-Messgeräte.
Nach der Kapitulation Japans im September 1945 wurde es für Nippon Kogaku schwierig: Japan war von den USA besetzt. Viele Fabriken und Maschinen wurden demontiert und als Reparationszahlung Richtung USA abtransportiert. Gleiches galt für wertvolle Rohstoffe.
Masahiko Fuketa: Nikon-Kamerakonstrukteur und späterer Vizepräsident
Da die militärischen Aufträge nicht mehr existent waren, beauftragte im September 1946 der damals schon größte Optikbetrieb Japans seinen jungen Ingenieur Masahiko Fuketa (1913-2001; später Nikon-Vizepräsident
und Vorstandsmitglied), eine Kleinbildkamera zu bauen.
Diese kam unter dem Namen „Nikon“ 1948 auf den Markt. In der Konstruktion findet man viele Anlehnungen an die deutschen Modelle Leica (Schlitzverschluss) und Contax (Messucher und Objektivbajonett). Die deutschen Patente hatten die USA als Sieger im zweiten Weltkrieg ja kurzerhand für ungültig erklärt. Bereits der vierte Prototyp mit der Nummer 6094 sieht der in Serie produzierten ersten Camera – später Nikon I genannt – zum Verwechseln ähnlich, inklusive dem gebogenen Mittelstrich beim „N“ im Namen.
Seriennummern begannen mit dem Code "609"
Die Seriennummern der Nikon I starteten mit 6091 („609“ war der Code für „1946/09„. Der September 1946 war Monat und Jahr des ursprünglich geplanten Produktionsbeginns. Die ersten 20 produzierten Kameras wurden für Entwicklungs- und Testzwecke benutzt und kamen nie in den Handel. Es gab auch Kameras mit Leica-Schraubgewinde.
Die Nikon I hatte noch das von japanischen Regierungsstellen geförderte, sogenannte „Nippon-Format“ (24 x 32 mm Negativformat). Die PX-Shops für US-Soldaten in Japan verkauften die Kamera nicht, weil dieses Format in den USA durch die Standards nicht unterstützt wurde. Die Entwicklungs- und Schneidemaschinen des Weltmarktführers Kodak konnten dieses Format nicht bearbeiten: Die japanischen Negative hatten 7 statt wie üblich 8 Perforationslöcher und außerdem waren die genormten Diarähmchen auch zu groß.
Start mit dem „Ideal-Negativformat“ 24 x 32 mm, dann Standardisierung
Allerdings brachte man dadurch bis zu fünf Bilder mehr auf einem 36er-Film unter. Und beim Vergrößern entsprach das Seitenverhältnis des Negativs viel besser den Papierformaten im Verhältnis 3:4, weil bei Negativen im Format 24 x 36 mm, also im Verhältnis 2:3, immer oben oder unten ein Stück vom Rand abgeschnitten wird. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ab der Nikon S verwendete auch Nippon Kogaku das internationale Negativformat 24 x 36 mm.
Wegweiser durch Typen, Seriennummern und Eigenarten
Der bekannte Nikon-Spezialist und Photographica-Sammler Lutz Steinfurth aus Wassenberg hat im Frühjahr 2026 der Stiftung Kameramuseum Kurt Tauber ein Dutzend erlesene Nikon-Messsucherkameras und Zubehörteile gespendet. Diese werden jetzt im Deutschen Kameramuseum in Plech präsentiert. Mit dabei sind mehrere sehr frühe Exemplare, besondere Objektive und eines der raren Spiegelgehäuse („Reflex Housing“), mit dem aus der Messsucherkamera eine Spiegelreflexkamera wird. Hier eine Übersicht über die bedeutsamsten Modell-Variationen und ein Wegweiser durch die Rätsel der Seriennummern und Produktionszahlen in der Zusammenstellung von Lutz Steinfurth anhand von Beispielen aus seiner Sammlung.
Nikon I (1948)
Von der Nikon I (Bild) wurden 738 plus 20 Prototypen gebaut (Seriennummern 60912 bis 609759), allerdings nur 492 verkauft. Viele Kameras bestanden die Qualitätskontrolle nicht. Der Rest wurde demontiert oder umgebaut. Im Bild eine Nikon I mit der sehr niedrigen Seriennummer 60971 aus der Sammlung Steinfurth.
Nikon M (1949)
Mit der Nikon M (August 1949) änderte sich das Format zu 24 x 34 mm und eine Filmspule wurde fest eingebaut. Da man Kopfplatten der Nikon I übrig hatte, hat man auf diesen das „M“ nachträglich ergänzt (M 609760 bis M 6091000). Im Bild die M mit der Seriennummer M 609890, die sich jetzt im Deutschen Kameramuseum befindet.
Sie gehört ebenfalls zu den ältesten Nikon-Kameras überhaupt.
Standardserie M 6091001 bis M 6091957
Bis 1951 hatten alle Kameras „Made in occupied Japan“ (MIOJ) in den Boden graviert oder ins Leder eingeprägt. Von Zeit zu Zeit gab es kleine Veränderungen an der Kamera.
Gesamtproduktion Nikon M (ohne Blitzsynchronisation): 1.640 Stück.
Nikon M / Nikon MS (1950)
Im Bereich der Seriennummern M 6091958 und M 6092498 sind sowohl normale Nikons als auch die Nikon M mit Blitzsynchronisation zu finden (Nikon MS).
Ab M 6092500 bis M 6094125 werden nur noch Nikon MS mit Blitzsynchronisation produziert (rund 2.500 Stück). Im Bild eine MS aus der Sammlung Steinfurth.
Gesamtproduktion Nikon M und MS: 3.340 Stück, davon 2.521 verkauft.
Es gibt einige wenige Kameras (man spricht von 27, die weltweit bekannt sind), bei denen bei der Gravur die Zahlen vertauscht wurden – statt M 609XXXX findet man die Ziffernfolge M 906XXXX – wie hier an dem Exemplar aus der Sammlung Lutz Steinfurth.
Nikon S (1951)
Neuerungen waren: Blitzsynchronisation und Negativformat 24 x 34 mm, Andruckschienen im Sucherschuh und ein höherer Rückspulknopf. Seriennummern:
- 6094126 bis 6099999: frühe Nikon S (5.873 Stück).
- 609XXXX1: 8-stellige 609-Seriennummer mit einer zusätzlichen 1 (sehr selten; nur 8 Kameras in der Literatur bekannt (8-Digit Type I).
- 6091000 bis 60911250: bei 10.000 weiter gezählt (1.250 Stück).
- 610 1000 bis 612 9520: wieder zurück zur 7-stelligen Seriennummer; Start war aber nicht bei 6100000 (rund 28.520 Stück). Gesamtproduktion: etwa 35.650 Kameras.
- Details zur Nikon S
Nikon S 2 (1954-1958)
Seriennummern: 6135001 bis 6198375. Gesamtproduktion: zirka 57.000 Stück. Jetzt mit Negativformat 24 x 36 mm, Schnellschalthebel statt Drehrad, verbesserter Sucher und größeres Messsucherfenster, Verschlusszeiten jetzt bis 1/1.000 Sekunde. Gewicht von 630 auf 510 Gramm reduziert. Das Echtleder am Korpus wurde durch Kunststoff ersetzt.
In der ersten Ausführung (Chrome dial) waren alle Teile verchromt. Es gab auf Anforderung vor allem von Kriegsberichterstattern, die an der Front kein in der Sonne glitzerndes Chrom haben wollten, auch 1.100 bis 1.150 schwarze Kameras. 1957 hat man das Design der Bedienelemente auf der Oberseite farblich etwas bearbeitet (Black dial).
Nikon SP (1957-1964)
Seriennummern: 6200001 bis 6232150 Gesamtproduktion: rund 22.350 Stück.
Änderungen: Messsucher mit der Einspiegelung (Leuchtrahmen) von jetzt 4 Brennweiten: 50, 85, 105 und 135 mm. Zusätzlich integrierter Weitwinkelsucher für 28 und 35 mm. Motoranschluss. Anfangs Tuchverschluss, später Titanfolienverschluss. Gebaut als Chromversion und schwarze Version (davon nur rund 1.200 Exemplare).
Nikon S 3 (1958-1961)
Identisch mit der Nikon SP, außer dass ein einfacherer Messsucher eingebaut wurde für 35-, 50- und 105-mm-Objektive. Die Kamera kostete 60 US-Dollar weniger. Seriennummern: 6300001 bis 6318306. Gesamtproduktion: 12.310 Stück, davon etwa 250 in Schwarz.
(Die Nummern ab 6400001 wurden für die Nikon F vergeben.)
Nikon S 4 (1959-1960)
Seriennummern zwischen 6500001 und 6505928 (ungefähr 100 Kameras beginnen mit 630XXXX). Gesamtproduktion: etwa 2.000 Stück, davon rund 250 in Schwarz. Die S 4 ist eine abgespeckte Version der Nikon S 3: Kein Selbstauslöser, kein Motoranschluss, Messsucher nur für 50 und 105 mm. Die Kamera wurde nahezu ausschließlich in Japan verkauft, da der Hauptimporteur für die USA (Ehrenreich) diese aus Marketinggründen nicht haben wollte.
Schließlich begann zur gleichen Zeit (1957) der Siegeszug der Spiegelreflexkamera Nikon F und mit der SP war eine Profikamera und mit der S 3 bereits eine günstige Alternative im Programm.
Sondermodelle und Sondereditionen
Nikon S 3 Olympic (1964)
Seriennummern: 6320001 bis 6322600. Gesamtproduktion: rund 2.000Stück (alle in Schwarz). Aufgelegt anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1964 in Tokio. Im Unterschied zur normalen Nikon S 3 wurden diese Exemplare mit einem Titanfolienverschluss (wie bei der Nikon F) ausgestattet.
Nikon S 3 M (1960)
Halbformat-Kamera 18 x 24 mm mit Seriennummern zwischen 6600001 und 6600223 in etwa 200 Exemplaren (alle in Chrom).
Nikon S 3 2000 Millenium Edition (2000)
Gesamtproduktion: etwa 8.000 Stück (alle in Schwarz). Bis auf Kleinigkeiten identisch mit der schwarzen Nikon S 3 von 1958.
Nikon S 3 2000 Millenium Edition (2002)
Gesamtproduktion: etwa 2.000 Stück (alle in Chrom). Bis auf Kleinigkeiten identisch mit der Nikon S 3 von 1958.
New Nikon SP 2005 Limited Edition (2005)
Gesamtproduktion: etwa 2.500 Stück (alle in Schwarz).
Mehr von und über Nikon
In Deutschland erst nach 1972 unter dem Markennamen "Nikon"
In Deutschland mussten die Nikon-Kameras wegen der Namensähnlichkeit mit Zeiss Ikon noch Jahrzehnte unter dem Namen Nikkor (wie lange noch bei Objektiven üblich) verkauft werden. Erst als Zeiss Ikon 1972 den Bau von Kameras aufgab, kamen sie auch hierzulande als Nikon in den Handel.
Die Sache mit den Brennweiten in Zentimetern
Auch so eine japanische Spezialität: Die Brennweitenangaben der Objektive erfolgten noch in den 1950er und 1960er Jahren konsequent in Zentimetern – das gab Nikon erst in den frühen 1970ern auf, Jahrzehnte nach der deutschen Kameraindustrie.
Chronologie der frühen Nikkor-Objektive
Hier eine Auflistung der Nikkor-Objektive, wie sie an den Messsucherkameras verwendet wurden, in der Reihenfolge ihrer Markteinführung. Bei der Bezeichnung wurde die Originalbezeichnung verwendet – also zum Beispiel „5cm f2-16“ statt wie hierzulande üblich: „1:2,0/5 cm“. Nach dem Bundestrich: die jeweils kleinste einstellbare Blende. In Klammern: Monat und/oder Jahr der Markteinführung.
- Nikkor 5cm f2-16 (09/1946)
- Nikkor 3,5cm f3,5-16 (03/1948)
- Nikkor 13,5cm f4-16 (11/1948)
- Nikkor 8,5cm f2-16 (05/1949)
- Nikkor 5cm f1,5-16 (05/1949)
- Nikkor 5cm f1,4-16 (05/1950)
- Nikkor 2,8cm f3,5-22 (09/1952)
- Nikkor 25cm f4 (1953)
- Nikkor 2,5cm f4-22 (11/1953)
- Nikkor 10,5cm f2,5-32 (12/1953)
- Nikkor 18cm f2,5-32 (1955)
- Micro-Nikkor 5cm f3,5-22 (1956)
- Nikkor 5cm f1,1-22 (1956)
- Nikkor 35cm 54,5-22 (1959)
- Nikkor 50cm f5-45 (06/19599
- Nikkor 2,1cm f4 (05/1960)
Bedeutung der Nikon-Codes auf den Objektiven
Nikkor war der Name, der bis in die 1980er Jahre auf Objektiven als Bezeichnung eingraviert war. Hier die Bedeutung der Buchstaben nach den Angaben zu Lichtstärke und Brennweite bei den Messsucherkameras (es gab bis zu 11 Stufen):
- U (Unus): 1 Linse
- B (Bini): 2 Linsen
- T (Terni): 3 Linsen
- Q (Quaterni): 4 Linsen
- P (Pente): 5 Linsen
- H (Hexa): 6 Linsen
- S (Septem): 7 Linsen
- O (Octo): 8 Linsen
- N (Novem): 9 Linsen
Beispiele für die Anwendung:
- Nikkor-Q 200mm f/4: Objektiv mit 4 Linsenelementen
- Nikkor-H 50mm f/2: Objektiv mit 6 Linsen
- Nikkor-P.C 105mm f/2.5: Objektiv mit 5 Linsen
Besonderheiten bei den Seriennummern von Nikon-Objektiven
Nikon hat nur bis 1951 die Seriennummern basierend auf dem Jahr und Monat des Entwicklungsbeginns fortgeschrieben. Die 811 in der Seriennummer des Nikkor-S.C 1:1,4/5 cm steht also für November 1948. Die 5005 beispielsweise entsprechend für Mai 1950. Ab 1951 hat man dreistellige interne Präfixe benutzt. Das bedeutet, dass ein Objektiv mit der Nummer von zum Beispiel 426859 niemals das 426859. Objektiv ist.