Zeitzeugen: Wie Janoschs Tiger auf einer japanischen Canon-Kamera deutsche Kinder glücklich machte

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Bild: Kurt Tauber

Man liebt sie oder man rümpft nur die Nase: Bei Janoschs Tigeraugenkamera gehen die Meinungen in Sammlerkreisen auseinander. Dabei war das einer der wenigen Versuche der Kameraindustrie, weg vom ewigen Einerlei der silberfarbenen oder schwarzen Fotoapparate zu kommen und etwas Fröhlichkeit ins Design zu bringen. Vor allem, wenn man damit die Kinder für die Fotografie begeistern wollte. Aus Anlass von Janoschs 95. Geburtstag am 11. März 2026 blickt der langjährige Canon-Deutschland-Manager Dr. Oliver Fix zurück auf die Zeit vor gut 30 Jahren, als ihm die Idee mit der Janosch-Kamera kam. Damit beginnt das Deutsche Kameramuseum eine Artikelserie unter dem Thema "Zeitzeugen" mit Geschichten und Geschichtchen aus der großen, weiten Welt der Fotografie und des Films.

Wagnis gelungen: Die bestellten 30.000 Sets wurden auch verkauft

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Wenn man sich die Rolle einer deutschen Vertriebsfirma oder Niederlassung eines großen japanischen Kameraherstellers in den 1980er und 1990er Jahren vorstellt, so geht man wohl üblicherweise davon aus, dass die Japaner Modelle entwickelt hatten und die deutschen oder europäischen Dependancen die Aufgabe hatten, möglichst viel von diesen Produkten unters Volk zu bringen. Dass es auch andersherum funktioniert hat – was sicher selten genug war –, zeigt die Geschichte, wie Janoschs Tigerentenkamera entstand. Denn da haben die deutschen Canon-Leute gesagt, was sie gerne von den japanischen Ingenieuren und Kaufleuten haben wollten.

Hier schildert Dr. Oliver Fix, ein langjähriger Canon-Manager und intimer Kenner der deutschen Kameraindustrie, wie das damals war, als Canon Deutschland Canon Japan Janoschs Tigerauge-Kamera nahebringen konnte. Ausschlaggebend war wohl die anfangs vielleicht kühne Zusage, 30.000 Stück des eigens entworfenen Sets in Europa zu verkaufen. Basis war die Kompaktkamera Canon BF-1, die von Janosch neu designt wurde.

Janosch (bürgerlich Horst Eckert; geboren am 11. März 1931 in Hindenburg/Oberschlesien), ein deutscher Illustrator und Schriftsteller, ist vor allem für seine illustrierten Kindergeschichten wie „Oh, wie schön ist Panama“, „Post für den Tiger“ und „Ich mach dich gesund, sagte der Bär“ bekannt, die zum Teil als „Janoschs Traumstunde“ verfilmt wurden. Außerdem ist er der Schöpfer der „Tigerente“, hat aber auch Bücher für Erwachsene verfasst. 

Lesen Sie selbst die Geschichte von Janoschs Tigerauge-Kamera aus erster Hand:

Mein Name ist Oliver Fix. Ich war Marketingdirektor in den Jahren 1993 bis 1995 bei der Firma Canon Europhoto und hatte die Aufgabe, neben der Konzeption und Durchführung verschiedener Werbe- und PR-Maßnahmen auch über neue Vertriebs- und Produktkonzepte nachzudenken.

Während meiner zahlreichen Besuche bei verschiedenen Fotofachhändlern hatte ich mich damals – als branchenfremder Quereinsteiger – schon immer etwas gewundert, warum alle Kameras zu jener Zeit farblich entweder schwarz oder silber gehalten waren, und sich ansonsten nur in einigen technischen Merkmalen unterschieden. Was vor allem auffallend war, dass es für spezielle Zielgruppen, wie zum Beispiel kleine und jüngere Kinder, keine adäquaten Kameras gab. 

Spezieller Zuschnitt der Produkte auf die jeweilige Zielgruppe

Insofern begann ich mit der Suche nach Möglichkeiten, wie man Kameras, die wir damals in Ein-Jahres-Abständen neu aus Tokio geliefert bekamen (ja, so langsam waren damals die Produktlebenszyklen) und in Deutschland verkaufen sollten, in irgendeiner Form anders hätte gestalten und entsprechend der jeweiligen Zielgruppe adäquater positionieren können.

 Als Vater von damals zwei jüngeren Kindern kannte ich natürlich den zu dieser Zeit sehr bekannten Buchautor Janosch und seine herausragenden Figuren wie den „Kleinen Tiger“ oder den „Kleinen Bären“. Das brachte mich auf die Idee, hier vielleicht eine Art von Kooperation beginnen zu können. Ich erkundigte mich sodann, wo die Rechte an den Janosch-Figuren eigentlich lagen, und kam sehr bald auf die Firma Bavaria Sonor mit Sitz in München. 

Dort auf dem Bavaria-Gelände, stellte ich den verantwortlichen Personen, einem Produktmanager und einem Justitiar, meine Idee vor, dass ich gerne eine Kamera entwickeln würde, im Design von Janosch, die dann speziell die Zielgruppe „Kinder“ ansprechen würde.

Die Tigerstreifen waren bereits auf vielen Merchandise-Artikeln

Meine Idee mit Janosch war zu dieser Zeit nicht vollkommen neu, weil sich neben den Büchern von Janosch zahlreiche daran angelehnte Merchandise-Artikel bereits bestens verkauften. So gab es ein mit dem Tiger-Streifensymbol designtes Fahrrad, Bademäntel, Tassen, Geschirr und viele andere Dinge mehr. Was damals noch fehlte, war ein elektrotechnisches Produkt. 

Wahrscheinlich aus diesem Grund war Bavaria Sonor an einer Kooperation von Anfang an sehr interessiert, natürlich auch, um die beträchtlichen Lizenzeinnahmen auf diese Art weiter zu steigern. So wurde recht bald ein Termin mit Janosch selbst arrangiert, der eigens dafür aus seinem Wohndomizil auf Mallorca nach München kam, um sich persönlich mit mir zu treffen. Ich hatte für dieses Treffen eine Canon BF-1 Sucherkamera mitgebracht und fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, darauf in irgendeiner Form ein Tigergesicht, einen Tigerkörper oder was auch immer designen zu können.

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Das Objektiv von Janoschs Tigerauge-Kamera ist im Prinzip die Schnauze, der Sucher das eine Auge und das Blitzlicht das andere. Die stilisierten Schnurrbarthaare am Objektiv sorgen dafür, dass die Canon BF-1 jetzt aussieht wie ein Tigergesicht. Bild: Kurt Tauber

Janosch selbst fand diese Idee amüsant und sagte, er hätte großes Interesse daran und wollte gerne die Kamera mitnehmen, um in seinem Atelier auf Mallorca mal etwas rumzuprobieren. Was er dann auch schließlich tat und drei bis vier Wochen später mir bei einem erneuten Termin das fertige Produkt seiner Kreativität vorstellte. Und es sah genauso aus wie die heutige Tigerkamera, das heißt: Das Objektiv war im Prinzip die Schnauze, der Sucher das eine Auge und das Blitzlicht das andere. Die stilisierten Schnurrbarthaare am Objektiv sorgten dafür, dass es aussah wie ein Tigergesicht.

Geplant war von Anfang an ein komplettes Tiger-Kamera-Set

Meine Idee, die ich damals schon entwickelt hatte, war, die Tiger-Kamera in Form eines kompletten Sets anzubieten. Dafür wurde nicht nur der Trageriemen, an dem die Kamera befestigt war, mit einer gelb-schwarzen Kordel versehen, sondern zusätzlich auch noch ein Film mit ins Set integriert, damit man quasi sofort loslegen konnte. Natürlich war die Filmdose ebenfalls im typischen gelb-schwarzen Streifenlook gehalten.

Schließlich gab es zusätzlich neben der im Tigerlook angefertigten  Umverpackung noch ein von Janosch eigens dafür gemaltes Poster, auf dem der Tiger zu sehen ist, wie er mit der Kamera den kleinen Bären fotografiert.

Meine zweite Herausforderung war es, unsere Canon-Muttergesellschaft in Japan zu überzeugen, dieses „sehr spezielle Produkt“ herzustellen. Also flog ich nach Tokio, um die dort ansässigen Produkt-Entwicklungsingenieure davon zu überzeugen, uns eine derartige Variante der BF-1 zu produzieren. 

Und Canon in Tokio zeigte sich gleich aufgeschlossen gegenüber dieser Idee

Was heute undenkbar erscheint, stieß damals in Tokio auf ziemlich großes Interesse. Zu meinem großen Erstaunen stellte ich fest, dass die dortigen Entwickler weniger Fragen nach dem Sinn oder Unsinn stellten, sondern sofort damit begannen, sich Gedanken zu machen, wie man die Farbe auf der BF-1 am besten haftbar anbringen könnte, so dass die strenge Abteilung der Qualitätssicherung sie später auch bedenkenlos freigeben würde.

Nach einigen Wochen und mehreren technischen Versuchen war es dann schließlich so weit: Die Kamera konnte in Produktion gehen. Natürlich war für diese Entscheidung auch ausschlaggebend, dass wir behauptet hatten, wir könnten von dieser Kamera rund 30.000 Stück vermarkten. Damit hatten wir uns natürlich ziemlich aus dem Fenster gelehnt, aber am Ende sind diese 30.000 Sets tatsächlich auch auf dem deutschen Markt gelandet.

Fotofachhandel nicht begeistert von der Vertriebsschiene „Spielwarengeschäfte“

Eigentlich wollten wir diese Kamera für Kinder auch über die Vedes-Spielwarengeschäfte anbieten. Die vorbereitenden Gespräche 1995 mit Vedes in Nürnberg liefen damals auch sehr gut. Allerdings war mit Reaktionen seitens des Fotofachhandels zu rechnen, so dass meine Nachfolger (ab 1996) auf diesen Schritt am Ende verzichtet haben.

Eine Geschichte, die – wie schon gesagt – sich aus heutiger Sicht wie ein Husarenritt anfühlt, und so wahrscheinlich nie wieder vorkommen wird. 

Deshalb: Danke Canon!

Dr. Oliver Fix

Dr. Oliver Fix (Bild: Canon)

Zurzeit Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Lebenslanges Lernen an der FernUniversität in Hagen mit Schwerpunkt Zukunftszentrum KI NRW. Dr. Fix, 1960 gebürtig aus Hilden und jetzt nach vielen Stationen und Umzügen im In- und Ausland wieder in Düsseldorf wohnend, war von 1993 bis 2023 in verschiedenen Führungspositionen in Marketing, Vertrieb, IT und Business Operations bei Canon Deutschland/Europa Photo. Ein paar wichtige Stationen seines Berufslebens:

  • 1993 Eintritt als Marketing Direktor in die Canon Europhoto
  • 1995 Wechsel als Head of Strategic Planning zu Canon Europe (Amsterdam)
  • 1998 Programm Direktor „Project 2000“ bei Canon Europe (Amsterdam)
  • 2000 Marketing Direktor bei Canon Deutschland (Integration von Europhoto)
  • 2004 CEO bei Rollei GmbH in Braunschweig
  • 2007 Manager Strategic Akquisition bei Canon Deutschland und Canon Europe (London)
  • 2010 Programm Direktor der Integration von Canon und Oce für gesamt Europa (London)
  • 2015 Head of Business Operations bei Canon Deutschland
  • 2017 CEO bei Cognitas (100-prozentige Tochter von Canon Deutschland) 
  • 2020 Head of Corporate & Public Affairs
  • 2023 Ausstieg aus der Canon Deutschland
Erstellt: 15.03.2026