Eine Kamera, die Rätsel aufgibt: Die drei Buchstaben „RHK“ stehen zwischen zwei parallelen Strichen in einem Logo, das von zwei ineinanderreichenden Kreisen, ähnlich dem Symbol für Eheringe, umrahmt wird. Recherchen im Internet und in einschlägigen Veröffentlichungen über die DDR-Kameraindustrie erbrachten keine konkreten Erkenntnisse. Eine der interessantesten Kameras aus der Spende von Werner Schulz aus Essen, die insgesamt an die 700 Apparate umfasste.
Querschnitt der Kameraproduktion des 20. Jahrhunderts
Wenn uns jemand „eine Sammlung von 600 bis 700 Fotoapparaten“ als Spende ankündigt, dann herrscht erst einmal Freude über so ein großzügiges Geschenk. Und schnell tauchen aus der Runde der Aktiven die zweifelnden Fragen auf: Wie um Himmels Willen sollen wir solche Massen bewältigen? Zudem, wenn sie noch 500 Straßenkilometer entfernt, abgeholt werden müssen? Und wie viele Kameras haben wir dann doppelt, wie ist der Zustand, funktionieren die Dinger noch? Nicht anders beim Angebot von Werner Schulz (Bild) aus Essen, der sich aus gesundheitlichen Gründen im Herbst 2025 entschieden hat, seine Sammlung abzugeben.
Wie gut, dass der Förderverein Deutsches Kameramuseum in Plech e.V. Mitglieder aus fast jeder Ecke Deutschlands hat. So fand sich mit Christoph Gather aus Krefeld, der die guten Stücke aus dem nahen Essen in zwei Autofahrten mit einem großen Kombi zu sich nach Krefeld brachte, um sie dann zu sichten, zu sortieren, zu erforschen und dann an sechs andere Vereinsmitglieder zur Bearbeitung im „Homeoffice“ zu verteilen.
Was bei dieser Sichtung der Neuzugänge zutage kam, war beeindruckend (von den attraktiven, aber schon im Museum vorhandenen Geräten einmal abgesehen). Etwa eine Kleinbildkamera mit den drei eingravierten Buchstaben „RHK“, die selbst ausgefuchste Sammler vom Club Daguerre und Fachjournalisten vor Rätsel stellte.
Wer war dieser leidenschaftliche Photographica-Sammler, der sich zu diesem Schritt entschloss, dem Plecher Museum seine in Jahrzehnten zusammengetragenen Schätze anzuvertrauen?
Werner Schulz, geboren im Mai 1936 in Berlin, war gelernter technischer Zeichner und Konstrukteur. Er lebte nach dem Krieg in Ost-Berlin, machte seinen Berufsabschluss zum Konstrukteur aber an einer Westberliner Schule. 1961 erfuhr der frisch Verheiratete, dass die Behörden der DDR seine West-Ausbildung zum Konstrukteur nicht anerkannten. Das war vermutlich der entscheidende und letzte Anstoß für ihn und seine Ehefrau, gerade noch rechtzeitig vor dem Berliner Mauerbau am 13. August 1961 in den Westen zu fliehen. Die Grenzkontrollen waren zu dieser Zeit schon sehr auf zu vereitelnde Fluchtversuche fokussiert und alles musste ohne Mitwisser und extrem vorsichtig vorbereitet werden.
Eine der Besonderheiten aus der Spende Werner Schulz: eine KW Praktina IIa mit dem Langfilmmagazin für 450 (!) Aufnahmen und dem seltenen elektrischen Motorantrieb. Unter den Schätzen befand sich noch ein zweites Magazin, bestückt noch mit einem Film. Bild: Dr. Alexander Eisgrub
Schon damals war der Berliner fotobegeistert. Obwohl das Ehepaar in den Westen nur wenig mitnehmen konnte: Seine Exa und seine Beltica waren mit im Gepäck. Sein großes Interesse an technischen Zusammenhängen und Lösungen im Bereich der Fotografie war aufgrund seiner beruflichen Vorbildung naheliegend.
Von 1961 bis 1971 war Werner Schulz als Konstrukteur bei der Deutschen Maschinenbau AG (DEMAG) in Duisburg-Hochfeld tätig. Ab 1971 arbeitete er beim Reißverschlusshersteller Opti in Essen. Bereits mit 60 Jahren verrentet, konnte er seiner Kameraleidenschaft noch intensiver nachgehen. Als kontaktfreudiger Mensch war er häufiger Besucher von Kamerabörsen, die ja neben dem Angebot an Kameras auch immer ein Ort der Kommunikation mit Sammlerkollegen und Fotoenthusiasten waren und sind.
Umfangreiche Fachbibliothek
Es genügte ihm auch nicht, ein neues Schmuckstück ins Regal zu stellen. Bei selteneren Objekten wurden technische und historische Details anhand seiner umfangreichen Fachbibliothek recherchiert. In schwierigen Fällen kommunizierte Schulz auch mit Günther Kadlubek, dem Verfasser des Kadlubek-Kamerakataloges aus dem Verlag Hillebrand.
Einige Beispiele von den vielen Einzelteilen der Spende Werner Schulz. Es wird einige Zeit dauern, bis nur die wichtigsten der rund 700 Exponate erfasst und veröffentlicht sind. Bilder: Christoph Gather
Der engagierte Photographica-Sammler war auch Anwender. Nach Schilderung seiner Tochter fertigte er Tausende von Fotos und vor allem Dias an, wobei er die Schwarzweiß-Filme auch häufig selbst entwickelte. Daraus erarbeitete er für die Familie unterhaltsame Vorführabende, teils auch ergänzt durch Filmaufnahmen, die er mit seiner Schmalfilmkamera gemacht hatte. Mit der digitalen Fotografie hat er sich übrigens nie beschäftigt.
Aufgewachsen in der Kriegszeit und nachfolgenden Zeiten des Mangels hatte Werner Schulz auch ein Herz für eher bescheidene Kameras, deren Gebrauchsspuren auf ein arbeitsreiches Kameraleben schließen ließen. Er konnte es nicht übers Herz bringen, sich von ihnen zu trennen. Über die Jahrzehnte haben sich so etwa 700, teils sehr seltene Kameras angesammelt, die einen interessanten Querschnitt der Kameraproduktion des 20. Jahrhunderts darstellen.
Als er im Jahr 2025 gesundheitsbedingt in ein Seniorenheim umziehen musste, suchte er mit Unterstützung seiner Töchter eine neue Bleibe für seine Sammlung und spendete sie großzügig an das Deutsche Kameramuseum. Nur eine ihm ans Herz gewachsene Exakta zog mit ihm um in sein neues Zuhause. Werner Schulz starb fast 90-jährig am 13. März 2026.