Crass Trickfilmanlage

crass neu
Bild: Kurt Tauber, Pegnitz

Eine Trickfilmanlage oder auch ein Tricktisch ist eigentlich eine Repro-Einrichtung. Eine spezielle Filmkamera schwebt an einer Säule über dem Tisch und filmt von oben senkrecht herunter. In den Zeiten vor der elektronischen bzw. digitalen Bildbearbeitung wurden hier hauptsächlich zweidimensionale Vorlagen wie Photos, Graphiken oder Titel auf 16-mm- oder 35-mm-Film übertragen.

Für den kreativen Prozess entscheidende Eigenschaft der Kameras ist dabei, dass diese einzelne Filmbilder vorwärts und rückwärts aufnehmen können. Größe und Lage des Bildausschnittes sind vielseitig zu variieren. ln allen wichtigen Fernsehanstalten gab es Trickstudios, ausgerüstet mit den ,,Arbeitstieren“ der Branche: Trickanlagen der Firma Richard Crass, Berlin. Diese Maschinen waren zuverlässig, robust und vielseitig und versahen jahrzehntelang treu ihre Dienste – dieses Gerät aus dem Jahr 1967 beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Köln.

Mit solchen Geräten wurden zum Beispiel Filme wie „Meister Eder und sein Pumuckl“ hergestellt. Zuerst wird der Realfilm abgedreht, in dem Meister Eder so tut, als ob er mit einem realen Pumuckl sprechen würde. Dann wird dieser Film über einen speziellen Projektor und einen Umlenkspiegel von unten auf eine Mattscheibe projiziert – Bild für Bild in den betreffenden Szenen, in denen Pumuckl auftauchen soll. Dann werden die gezeichneten Figuren im entsprechenden Maßstab auf die Mattscheibe gelegt und mit der Crass-Kamera Bild für Bild abfotografiert – nicht gefilmt! Eine Bewegung besteht aus 24 Bildern und somit auch aus 24 Zeichnungen (!) pro Sekunde Film. Dann nimmt das Auge die vielen schnellen Bilder als harmonische und nicht etwa ruckhafte Bewegung wahr.

Eine Riesen-Geduldsprobe also sowohl für den Zeichner als auch für den Mann am Trickfilmtisch. Bewegung kann auch erzeugt werden, wenn die Kamera zwischen den Aufnahmen nach oben oder unten gefahren wird oder der Tisch nach rechts oder links verschoben wird. Dann wird die Zeichentrickfigur kleiner (sie entfernt sich) oder größer (sie kommt näher) oder sie verschwindet nach links oder rechts aus dem Bild. Das muss präzise in genau definierten Schritten funktionieren. Eine Herausforderung an die Mechanik und die Steuerelektronik.

Im Museum befinden sich sowohl die 16-mm- als auch die dazu gehörende 35-mm-Kamera, die auch für ganz normale Filmaufnahmen verwendet werden kann. Dazu gibt es ein massives Stativ, das auf einer Art Schiene verschoben werden kann, um dynamische Blickwinkel zu ermöglichen.

1991 arbeitete Stephan Scholzen während eines Praktikums beim WDR an einer dieser Maschinen, 1992 wurde sie durch Computer ersetzt. Über Umwege kam der Tisch zu Stephan Scholzen. Der produzierte ab 1996 im privaten Trickfilmstudio hauptsächlich Cartoons für den WDR, bevor er 2010 vor einem berufsbedingten Umzug die endgültig ausgemusterte Crass ins Deutsche Kameramuseum nach Plech brachte, wo sie 2011 in tagelanger mühsamer Arbeit wieder zusammengebaut wurde und Scholzen die gesamte Anlage bei der Einweihung des Museums an Pfingsten 2012 im Betrieb vorführen konnte. Das Museum ließ extra eine 380-Volt-Leitung in den Ausstellungssaal legen, um dieses Gerät testen und vorführen zu können.

Lange stand das dominierende Gerät alleine mitten im Saal bis immer mehr Exponate dazu kamen. Dann machten die Museumsplaner aus der Not eine Tugend: 2019 wurde der Trickfilmtisch in einer Nische aus acht neuen Vitrinen platziert, was ihn gleichzeitig prominent aus dem Umfeld hervorhebt. Und in den acht neuen Vitrinen haben Hunderte alter Fotoapparate wieder einen Platz in der Dauerausstellung.

 

 

Objektdaten

Filmkameras Kategorie/Typ
16 mm
Marke
Crass, Berlin, Deutschland
Firma/Produktion
Crass, Berlin, Deutschland
Filmmaterial Konfektion
16 mm, 35 mm Kinofilm
Gänge (Bilder pro Sekunde)
Einzelbild, Siehe Beschreibung
Filmtransport
Elektrischer Filmtransport
Überblendmöglichkeit (per Rückspulung)
Ja
Entstehungszeitraum Dekade
1960-1970
Stromversorgung
Netzteil/Netzspannung
Film-Objektiv (Typ)
Festbrennweite
Fokussierung
manuell
Reflexsucher
Ja
Ansetzbares Magazin
Ja
Tonaufzeichnung
Nein
Gehäusematerial
Metall (Alu, Messing, Guss usw.), Kunststoff, Holz
Museumsobjekt Baujahr
1967
Museumsobjekt Seriennummer
371
Museumsobjekt Zugangsdatum Jahr
2010