Voigtländer Daguerreotypie-Metallkamera von 1841 (Replika)

petzval metallkamera no. 84 (1)
Bild: Thomas Geitner

Einer der begehrtesten Fotoapparate der Welt steht seit April 2024 im Deutschen Kameramuseum – wenn auch “nur” als “originale Replika”. Der Reihe nach: Voigtländer & Sohn in Wien baute 1841 das Messing-Original dieser legendären Kamera, von der damals bis 1842 um die 600 Exemplare hergestellt wurden. Der Preis: 120 Gulden – eine Summe, für die man schon ein gutes Reitpferd bekam. Wohl auch aufgrund des runden Formats wurde dieser  Kameratyp bald abgelöst. Auch Voigtländer schwenkte auf rechteckige Formate um.

Monatelange Berechnungen

Der enorme Preis resultierte wohl auch aus den Kosten der Herstellung und vor allem der Berechnung des sensationellen Objektivs: Das sogenannte Petzval-Objektiv, 1840, also nur ein Jahr nach der offiziellen Geburtsstunde der Fotografie von dem ungarischen Professor Josef Maximilian Petzval (1807-1891) erfunden, war das erste sozusagen wissenschaftlich berechnete Aufnahmeobjektiv der Welt. Neben Petzval und seinem Assistenten Reisinger arbeiteten noch zehn vom Militär abkommandierte Mathematiker (Fachleute aus der Artillerie) monatelang an diesem Projekt, das Anfang Mai 1840 so weit war, dass man das Objektiv auch herstellen konnte.

Statt 15 Minuten nur noch 45 Sekunden Belichtungszeit

Mit einer Lichtstärke von etwa 1:3,7 bei 139 mm Brennweite und einem Zahntrieb zur Schärfeverstellung war das aus drei Linsengliedern bestehende Porträtobjektiv etwa 16-mal lichtstärker als das bis dahin übliche Chevalier-Objektiv, so dass die Belichtungszeiten von 15 Minuten auf 30 bis 45 Sekunden reduziert werden konnten. Es erlaubte jeweils ein kreisrundes Bild von etwa 80 mm Durchmesser.

Fehlte noch die entsprechende Kamera für dieses Super-Objektiv. Und da kam die Firma Voigtländer ins Spiel. Der optisch-feinmechanischer Betrieb, wurde 1756 von Johann Christoph Voigtländer (1732 bis 1797) gegründet. Johann Friedrich Voigtländer (1778-1857) errichtete eine eigene optische Werkstatt in Wien. Sein Sohn, Peter Wilhelm Friedrich (von) Voigtländer (1812-1878), übernahm 1839 den Betrieb, der nun unter dem Namen “Voigtländer & Sohn Wien” weitergeführt wurde. Voigtländer lieferte auch Petzval Angaben über die optischen Eigenschaften der damals erhältlichen Glassorten, die für seine Berechnungen unerlässlich waren.

Modell aus Pappe in Messing nachgebaut

Petzval hatte schon eine Versuchskamera aus Pappe gebaut. Voigtländer setzte die Idee ganz in Messing um und 1841 gelangte der “neue Daguerreotyp-Apparat” mit Petzvals Objektiv in den Handel, wo er gleich für Begeisterung sorgte. Es gab dann noch das sogenannte Landschaftsobjektiv namens “Orthoskop”, das auf der Petzval-Konstruktion basierte und das ebenfalls von Voigtländer und eine Zeit lang von Dietzler produziert wurde.

Es gab von Voigtländer selbst drei weitere Auflagen dieser Kamera-Ikone: 1939 zum 100. Geburtstag der Fotografie nur 25 Exemplare. Sie alle tragen die Seriennummer 81 und sind nicht lackiert. Und 1956 wurden anlässlich des 200-jährigen Firmenjubiläums nochmals 200 Exemplare offiziell nachgebaut. Diese tragen ebenfalls die Seriennummern 81 und haben eine lackierte Oberfläche.

Museumsexemplar stammt aus dem Jahre 1978

1978 wurden nochmals 100 dieser offiziellen Repliken aufgelegt – alle mit der Seriennummer 84 und ebenfalls mit lackierter Oberfläche. Die Bildgrößen dieser Nachbauten sind etwas größer (etwa 92 mm im Vergleich zu den 80 mm des Originals). Wir gehen davon aus, dass unser Exemplar wegen der Nummer 84 aus der dritten Neuauflage von 1978 stammt. Selbst so international renommierte Einrichtungen wie das Georg Eastman House in Rochester, N. Y., USA, schätzen sich glücklich, wenn sie auch nur eine der späteren Repliken von Voigtländer präsentieren können. Jetzt gehört auch das Deutsche Kameramuseum in Plech zu diesem erlauchten Kreis.

Später gab es auch als solche gekennzeichneten Kopien fremder Hersteller, etwa aus der Tschechoslowakei. Im Fotohandel kursieren auch Mini-Nachbauten in der Größe eines Drittels des Originals.

Größeres Bild als beim Original

Unser Museumsexemplar wurde offiziell von Voigtländer nachgefertigt und trägt wie alle Nachbauten von 1978 die “Seriennummer” 84. Der Durchmesser der kreisrunden Daguerreotypie ist allerdings mit etwa 92 mm um einiges größer als bei der Originalversion, vermutlich um Fälschungsversuche zu unterbinden. Die Brennweite ist nach verschiedenen Quellen bei den Kopien 149 mm, die Lichtstärke beträgt demnach 1:6,3.

Mit der kompletten Kamera in die Dunkelkammer

Das Fotografieren selbst war für heutige Verhältnisse absolut umständlich: Das “Kamera-Rohr” wurde auf ein Dreibeinstativ gelegt, auf der Mattscheibe konnte mittels Zahntriebverstellung des Objektivs das zu fotografierende Objekt gewissermaßen eingemessen werden. Dann brachte der Fotograf die gesamte Kamera in die Dunkelkammer, entfernte das Rückteil mit der Mattscheibe und setzte in völliger Dunkelheit die vorbereitete Daguerreotypie-Platte ein. Das Objektiv der Kamera war – mangels eines eingebauten Verschlusses – so lange mit einem Deckel lichtdicht verschlossen. Dann wurde die Kamera wieder im Studio in Position gebracht (das schwere Tischstativ war ja stehengeblieben) und der Deckel wurde für die Dauer der Aufnahme abgenommen. Danach ging es mit der Kamera wieder in die Dunkelkammer…

Der Schatz aus dem Bananenkarton

Das neue Plecher Museums-Prunkstück stammt übrigens aus dem Nachlass des Schweinfurter Fotografenmeisters Johann Eichel (1925-2011), der seinen Erben Hunderte wertvoller Fotoapparate hinterlassen hatte. Anfang 2024 wiederum schenkten Eichels Tochter und die zwei Enkel rund 300 Teile aus dem Nachlass Eichels der Stiftung Kameramuseum Kurt Tauber und dem Förderverein Deutsches Kameramuseum in Plech e.V. Nach einigen Wochen kamen die Museumsmacher im Frühjahr endlich dazu, die letzten der insgesamt 16 (!) Bananenkartons voller Schätze auszupacken und zu sichten. Die Überraschung und Freude war groß, als dieses fotohistorische Kleinod zum Vorschein kam. Denn im Gegensatz zu den meisten vorher gesichteten Objekte war ausgerechnet diese  wertvollste Kamera der Spende nicht groß angekündigt…

Wir werden die Voigtländer-Rarität noch exakt vermessen, erforschen und auch nochmals historisch genauer einordnen. Es gibt zwar jede Menge internationale Veröffentlichungen zum Thema, aber diese unterscheiden sich teilweise in den Details. 

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kt. / veröffentlicht: 02. Mai 2024 (ohne Gewähr)

Objektdaten

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ID Sammlung Kurt Tauber
100961
Fotoapparate analog Kategorie/Typ
Plattenkamera, Studiokamera
Originalität
Kopie / Nachbau, Jubiläumsedition
Fotografischer Film / Konfektion (Foto)
Platte / Planfilm
Negativformat fotografischer Film
Anderes
Filmtransport
manuell
Entfernungsmesser
Nein
Belichtungsmesser
nein
Belichtungssteuerung
manuell
Lichtstärke (bei Festbrennweite)
1:6,3
Fokussierung
manuell
Bildstabilisator Kamera
Nein
Verschlusstyp
Kein Verschluss
Datenrückwand
Nein
Produktionszeitraum ab
1841
Produktionszeitraum bis
1842
Entstehungszeitraum Dekade
1839-1850, 1970-1980
Produktionsstückzahl
600 (vom Original), 325 Nachbauten von Voigtländer
Gehäusematerial
Metall (Alu, Messing, Guss usw.)
Abmessungen (cm)
Höhe: etwa 30 cm, maximaler Durchmesser der Kamera selbst: 12 cm
Gewicht (g)
1070
Museumsobjekt Baujahr
1978
Museumsobjekt Seriennummer
"84" (wie alle Replikas aus dem Jahre 1978)
Museumsobjekt Zugangsdatum Jahr
2024
Nachlass (Herkunft)
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