Wenn man an eine Kleinbildkamera der 1950er Jahre denkt, die sich unter harten klimatischen Bedingungen im Eis und auf einem Vulkan, in staubigen Wüsten und auf salzwasserhaltigen Ozeanen bei Reportagefotos bewährt, dann denkt man nicht in erster Linie an diese nicht gerade als Profi-Kamera bekannte Kleinbildsucherkamera Wirgin Edixa II.
Werbe-Foto für den Öl-Multi Esso
Und doch hätte die hier vorgestellte Kamera so einiges zu erzählen, was eine Nikon oder Leica durchaus auch neidisch machen könnte. Mit dieser kleinen Edixa hat der Hamburger Reinhold Hempel, 1924 gebürtig in Göttingen, hervorragende Fotos geschossen, von denen es eines sogar in die Werbung des Treibstoff-Konzerns Esso geschafft hat. Die wirklich beeindruckende Aufnahme mit Blick auf das Deck eines schaukelnden Schiffes im Vordergrund angesichts einer riesigen Wand aus peitschenden, tiefblauen Wellen, konnte der Meeresforscher für 400 D-Mark an die bekannte Werbeagentur McCann verkaufen, die es für eine Werbeanzeige des Ölmultis Esso verwendete. Der Slogan: „Oben tobt der Sturm, aber unten fließt ruhig das Öl.“
Nautischer Techniker beim DHI
Schon während des zweiten Weltkrieges war Reinhold Hempel bei der Seevermessung der deutschen Kriegsmarine auf allen Weltmeeren unterwegs, später war er als nautischer Techniker beim Deutschen Hydrogeographischen Institut (DHI) in Hamburg angestellt, wo die Familie Hempel ab 1950 lebte. In den letzten Berufsjahren war er nicht mehr an Bord, sondern am Kirchenpauer Kai an den Elbbrücken mit für die Ausrüstung der Forschungsschiffe des DHI für die jeweiligen Forschungsreisen verantwortlich. Frank Hempel, sein Sohn, selbst erfolgreicher Fotograf, Webdesigner und Blogger mit spannender Biografie und sehenswerter Homepage (www.frank-hempel.de), hat 2025 den weitgereisten Fotoapparat dem Deutschen Kameramuseum übergeben und dazu interessante Hintergrundinformationen geliefert:
„Vater war viel mit den Forschungsschiffen Gauss und Meteor unterwegs und die Forschungsreisen führten ihn an wunderbare Orte wie Grönland, Island, Westafrika oder die Azoren. Immer dabei war seine Kleinbildkamera Wirgin Edixa, mit der er dort auf Diafilm fotografierte. Wieder zuhause wurden die Dias, wenn sie von der Entwicklung zurück kamen, fein säuberlich in Glasrahmen gerahmt und beschriftet.“
Feuchtfröhliche Diaabende
Anschließend gab es die „legendären Dia-Abende“, bei denen alle Nachbarn im 13-Parteien-Mietshaus in Hamburg ins Wohnzimmer der 52-Quadratmeter-Wohnung eingeladen waren „und sich die Bilder unbedingt ansehen wollten“. Frank Hempel: „Die Welt ohne Fernsehen und Internet war ja noch groß und kaum jemand hatte schon Geysire auf Island oder Eisberge gesehen. Da saßen also alle im kleinen Wohnzimmer, die meisten Männer rauchten und tranken Bier und Schnaps, die Frauen nippten an ihren Gläsern mit Eierlikör, während Vater die Dias einzeln in den Liesegang-Projektor schob…“
Die 400 DM Foto-Honorar für das Orkan-Foto investierte der Meeresforscher übrigens in eine Rolleicord-Mittelformatkamera, die ihm aber für seine Reportagefotos zu unhandlich war, weshalb er doch oft wieder auf seine geliebte und bewährte Edixa als Zweitkamera zurückgriff.
Hier noch schnell die technischen Daten:
Kleinbildmesssucherkamera für den 135er-Film, manuelle Schärfeeinstellung, manuelle Belichtungssteuerung, damals lieferbar mit verschiedenen Objektiv- und Verschlusskombinationen. Das Museumsexemplar ist mit einem Prontor-SVS-Verschluss (B, 1 bis 1/300 Sekunde, blitzsynchronisiert für X und M und mit Selbstauslöser) und einem Objektiv Steinheil München Cassar 1:3,5/43 mm ausgerüstet (Seriennummer: 965330). Bildzählwerk, Zubehörschuh ohne Mittenkontakt, Stativgewinde, keine Trageösen.